
Die klinische psychologische Diagnostik ist ein systematischer professioneller Prozess zur Untersuchung und zum Verständnis der psychischen Funktionsweise eines Menschen. Sie zielt darauf ab, ein ganzheitliches Bild des aktuellen psychologischen Zustands, der kognitiven und emotionalen Funktionsweise, der Persönlichkeitsmerkmale, des Verhaltens, der Ressourcen und der Schwierigkeiten der jeweiligen Person im Kontext ihrer Lebens-, Sozial- und Krankengeschichte zu erstellen.
Die klinische psychologische Diagnostik ist nicht gleichbedeutend mit psychologischer Testung. Der psychologische Test ist nur eines der möglichen Instrumente in einem deutlich umfassenderen Prozess, der das klinische Interview, die Beobachtung, die Analyse anamnestischer und medizinischer Informationen sowie bei Bedarf den Einsatz standardisierter psychologischer Verfahren umfasst. Die Hauptaufgabe der klinischen Diagnostik besteht nicht einfach darin, das Vorhandensein oder Fehlen eines bestimmten Symptoms festzustellen, sondern dessen Bedeutung im Kontext der jeweiligen Person zu verstehen.
Wie verläuft die klinische psychologische Diagnostik?
Der Prozess beginnt mit der Formulierung einer konkreten klinischen Fragestellung. Anlass für die Diagnostik können das Vorliegen psychologischer oder Verhaltenssymptome, die Notwendigkeit einer Klärung des emotionalen oder kognitiven Funktionierens, eine Empfehlung durch einen Arzt oder einen anderen Fachspezialisten, die Vorbereitung auf eine bestimmte Behandlung oder die Notwendigkeit einer Bewertung der psychologischen Anpassung an eine Erkrankung sein.
Das klinische Interview ist ein zentraler Bestandteil dieses Prozesses. Dabei werden die aktuellen Schwierigkeiten, ihr Beginn und ihre Entwicklung, die Lebensgeschichte, bedeutsame Beziehungen und Ereignisse, die frühere psychische und körperliche Gesundheit, der gegenwärtige medizinische Zustand, die durchgeführte Behandlung, das soziale Umfeld sowie die Art und Weise, wie der Mensch mit Schwierigkeiten umgeht, untersucht. Je nach gestellter Fragestellung entscheidet der Fachspezialist, ob der Einsatz zusätzlicher standardisierter Instrumente erforderlich ist und welche davon geeignet sind.
Bei der Bewertung depressiver Symptomatik können beispielsweise der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) oder das Beck Depression Inventory-II (BDI-II) eingesetzt werden, zur Bewertung von Angst der Generalized Anxiety Disorder-7 (GAD-7) oder das Beck Anxiety Inventory (BAI). Im medizinischen Kontext findet die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS) breite Anwendung, die die Bewertung von Angst- und depressiven Symptomen bei Menschen mit somatischen Erkrankungen ermöglicht. Diese Instrumente stellen für sich allein keine Diagnose. Die erzielten Ergebnisse haben nur dann Bedeutung, wenn sie von einem qualifizierten Fachspezialisten im Kontext der übrigen klinischen Informationen interpretiert werden.
Was kann bewertet werden?
Die klinische psychologische Diagnostik kann auf verschiedene Aspekte der psychischen Funktionsweise ausgerichtet sein – Angst, Depressivität, psychologischer Distress, Stress, Anpassung, emotionale Regulation, Persönlichkeitsfunktionieren, Verhaltensschwierigkeiten, zwischenmenschliche Beziehungen sowie die Art und Weise, wie der Mensch bedeutsame Lebensveränderungen erlebt und bewältigt. Bei Bedarf können auch kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration und exekutive Fähigkeiten untersucht werden. Das kurze kognitive Screening kann beispielsweise das Montreal Cognitive Assessment (MoCA) umfassen, und bei Vorliegen konkreter Indikationen kann eine vertiefte neuropsychologische Untersuchung mit spezialisierten Verfahren durchgeführt werden.
Wenn die klinische Fragestellung eine Bewertung des Persönlichkeitsfunktionierens und psychopathologischer Merkmale erfordert, können komplexe standardisierte Instrumente wie das Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) oder andere geeignete Persönlichkeitsverfahren eingesetzt werden. Bei einem durchlebten traumatischen Ereignis und Verdacht auf posttraumatische Symptomatik kann die Diagnostik spezialisierte Instrumente wie die PTSD Checklist for DSM-5 (PCL-5) umfassen. Zur Bewertung von subjektiv erlebtem Stress können Instrumente wie die Perceived Stress Scale (PSS) eingesetzt werden.
Einen wichtigen Stellenwert in der klinischen Diagnostik hat auch die Identifizierung der Ressourcen des Menschen – seiner Bewältigungsstrategien, sozialen Unterstützung, Motivation, adaptiven Fähigkeiten und der Faktoren, die seine Genesung und Lebensqualität fördern können.
Klinische psychologische Diagnostik bei somatischer Erkrankung
Die Diagnose und Behandlung einer schweren, chronischen oder lebensbedrohlichen Erkrankung kann mit erheblicher psychologischer Belastung verbunden sein. Die Ungewissheit, die langwierige Behandlung, der Schmerz, die körperlichen Einschränkungen, die Veränderung des äußeren Erscheinungsbilds oder der körperlichen Funktionsweise, die Störung gewohnter sozialer und beruflicher Rollen sowie die Zukunftsangst können sich auf den psychischen Zustand des Patienten und seiner Angehörigen auswirken. In diesem Kontext ermöglicht die klinische psychologische Diagnostik, sowohl die normalen psychologischen Reaktionen auf die Erkrankung und die Behandlung als auch jene Zustände zu identifizieren, bei denen zusätzliche psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe erforderlich ist. Die Diagnostik kann auf den psychologischen Distress, die Angst, die Depressivität, die Anpassung an die Erkrankung, die Lebensqualität, das kognitive Funktionieren, die sozialen Beziehungen und die Bewältigungsressourcen ausgerichtet sein. Dies ermöglicht es, die psychologische Hilfe entsprechend den individuellen Bedürfnissen des Patienten zu planen, statt für alle dasselbe Unterstützungsmodell anzuwenden.
Klinische Diagnostik in der Psychoonkologie
Die klinische psychologische Diagnostik ist ein besonders wichtiger Bestandteil der modernen psychoonkologischen Versorgung. Die onkologische Erkrankung kann in jeder Phase mit erheblichem psychologischem Distress verbunden sein – von der Diagnostik und der aktiven Behandlung über die Remission, die Nachsorge, das Rezidiv, die Progression bis hin zur Palliativversorgung. Zum initialen Screening des Distress kann das Distress Thermometer (DT) in Kombination mit einer Problemliste eingesetzt werden, durch die praktische, familiäre, emotionale, körperliche und andere Schwierigkeiten identifiziert werden.
Für eine detailliertere Untersuchung der Lebensqualität können Instrumente wie der EORTC Quality of Life Questionnaire – Core 30 (EORTC QLQ-C30) und die Functional Assessment of Cancer Therapy – General (FACT-G) eingesetzt werden. Sie ermöglichen die Bewertung verschiedener Dimensionen des Funktionierens und des Einflusses der Erkrankung und Behandlung auf den Alltag des Patienten. Bei Patienten nach Abschluss der aktiven Behandlung oder bei langfristiger Nachsorge kann die Angst vor einem erneuten Auftreten oder einer Progression der Erkrankung ein bedeutsames Problem darstellen. Bei Bedarf kann sie mittels spezialisierter Instrumente wie des Fear of Cancer Recurrence Inventory (FCRI) untersucht werden. Die psychoonkologische Diagnostik kann außerdem Angst, Depressivität, Körperbild, Sexualität, familiäres und soziales Funktionieren, Therapietreue, kognitive Schwierigkeiten, Bewältigungsstrategien sowie Bedürfnisse nach psychologischer und sozialer Unterstützung umfassen.
Ziel ist es nicht, das psychologische Leiden zu pathologisieren. Angst, Trauer, Ungewissheit und Sorge können natürliche Reaktionen auf eine schwere Erkrankung sein. Die klinische Diagnostik hilft, deren Intensität, Dauer und Auswirkung auf das Funktionieren zu verstehen und einzuschätzen, wann der Mensch von professioneller Hilfe profitieren würde.
Lebensqualität und psychosoziales Funktionieren
Die Lebensqualität ist ein wichtiger Bestandteil der modernen klinischen Diagnostik, insbesondere bei chronischen und langwierigen Erkrankungen. Bei Bedarf können standardisierte Instrumente wie der WHOQOL-BREF eingesetzt werden, der körperliche, psychologische, soziale und umweltbezogene Aspekte der Lebensqualität bewertet, sowie der EQ-5D zur Bewertung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und des funktionellen Zustands. Diese Daten können besonders wertvoll sein bei der Verlaufsbeobachtung von Veränderungen im Zeitverlauf und bei der Bewertung des Einflusses der Erkrankung und Behandlung auf das alltägliche Funktionieren.
Von der Diagnostik zum individuellen Versorgungsplan
Die klinische psychologische Diagnostik hat dann einen Sinn, wenn sie zu einem besseren Verständnis und einer besseren Entscheidung für die nachfolgende Versorgung führt. Nach Abschluss des Prozesses werden die Informationen aus dem Interview, der Beobachtung, den standardisierten Verfahren und den übrigen Quellen zu einer ganzheitlichen klinischen Formulierung integriert.
Je nach Ergebnissen können psychologische Beratung, Psychotherapie, psychoonkologische Unterstützung, psychiatrische oder andere medizinische Konsultation, neuropsychologische Diagnostik, soziale Unterstützung, Arbeit mit der Familie oder die Einbeziehung weiterer Fachspezialisten des multidisziplinären Teams empfohlen werden. Wenn die Diagnostik im Rahmen der medizinischen Versorgung durchgeführt wird und der Patient die erforderliche Einwilligung erteilt hat, können die Ergebnisse auch die Arbeit des behandelnden Teams unterstützen.
Die Diagnostik ist keine Diagnose an sich
Das Ergebnis eines Tests, Fragebogens oder Screening-Verfahrens darf nicht eigenständig als klinische Diagnose interpretiert werden. Psychologische Instrumente messen bestimmte Merkmale oder Symptome und haben ihre Möglichkeiten, aber auch ihre Grenzen. Deshalb werden die Ergebnisse im Kontext des klinischen Interviews, der Beobachtung, der Lebens- und Krankengeschichte sowie der übrigen verfügbaren Informationen interpretiert. Wenn die Ergebnisse auf die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Störung oder auf die Notwendigkeit einer medizinischen Diagnostik und Behandlung hinweisen, wird der Patient an den entsprechenden Fachspezialisten überwiesen.
Professionelle und ethische Standards
Die klinische psychologische Diagnostik erfordert spezialisierte professionelle Kompetenz. Die Wahl der Instrumente wird durch das Ziel der Diagnostik, die konkrete klinische Fragestellung, die Merkmale des Patienten sowie die Nachweise zur Zuverlässigkeit und Validität des jeweiligen Verfahrens bestimmt. Es werden Instrumente eingesetzt, für die der Fachspezialist über die erforderliche Kompetenz und Nutzungsberechtigung verfügt, wobei das Vorliegen einer geeigneten sprachlichen und kulturellen Anpassung, normativer Daten und der Grenzen des Verfahrens berücksichtigt werden. Der Prozess beruht auf informierter Einwilligung, Vertraulichkeit, Schutz der persönlichen Informationen, professioneller Ethik und der Achtung der Autonomie und Würde des Menschen.
Unser Ansatz
Im Institut für Medizinische Psychologie, Psychoonkologie und Psychosomatik betrachten wir die klinische psychologische Diagnostik als einen Prozess des professionellen Verständnisses und nicht als mechanische Messung oder Etikettierung. Nicht jeder Mensch braucht dieselbe Diagnostik, und nicht jede klinische Situation erfordert psychologische Testung. Die Methoden werden individuell entsprechend der zu beantwortenden Fragestellung ausgewählt. Wir verbinden das klinische Interview, die Beobachtung, standardisierte Instrumente und professionelle Expertise, um nicht nur das Vorhandensein von Symptomen zu verstehen, sondern auch deren Bedeutung für den jeweiligen Menschen, sein Funktionieren, seine Beziehungen, seinen Gesundheitszustand und seine Lebensqualität.